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Vom Tumasee zum Oberalppass

Mittwoch, 24. April 2019

Von Bonn nach Köln

Frohe Ostern! Beim Hotelfrühstück gab es all die schöne Osterdekoration, welche die Mutter letztes Mal in Lingenfeld so schmerzlich vermisst hatte. Danach schauten wir noch in einer Kirche vorbei.

Bei Mondorf fand gerade der Ostergottesdienst der Schwäne statt.

Hier mündet die Sieg in den Rhein. Das ist ein nordrhein-westfählischer Fluss, der durch Siegen und Siegburg fließt. Am Steinstrand gegenüber legten wir eine Pause zum Baden und Eiersuchen ein.
Der geschichtliche Hintergrund dieser Stelle ist weniger schön: Im Dreißigjährigen Krieg bauten hier niederländische Soldaten eine Festung auf zwei Rheininseln und plünderten alle Dörfer in der Umgebung. Nach einigen Jahren wurden die Anwohner von den Spaniern "befreit", aber die waren auch nicht besser.

Die letzte Tagesetappe bestand vor allem aus gemeinsamen Fuß- und Radwegen. Nehmt Rücksicht! fordert dieses Schild daher. Anfangs klappte das auch recht gut, da waren noch nicht so viele Spaziergänger unterwegs.

Ab und zu führte uns der Weg auch weg vom Rhein, etwa durch große Containerstapel. Grüne Zäune und hölzerne Schallschutzwände trennen die Container von den Wohnhäusern.

Ah, schon wieder Industrie. Dann fahren wir eben kurz an der Straße. Macht nichts, es gibt ja Radwege. Und irgendwie sieht das schon beeindruckend aus.

Das letzte Wegstück besteht dann aus einer Pappelallee und anderen schönen Grünanlagen bei Rodenkirchen.

Dort lief einer Herde laut bimmelnder Kälber herum.

Hier waren viele Spaziergänger und andere Radfahrer mit völlig verschiedenen Gruppengrößen und Geschwindigkeiten unterwegs. Einige Fußgänger wollten auf ihrem Osterspaziergang gern zu sechst nebeneinander spazieren und blockierten so selbst den breitesten Weg, der eigentlich problemlos für alle Verkehrsteilnehmer gereicht hätte. Also: Klingeln, abbremsen, klingeln, langsam fahren, manchmal auch absteigen und schieben.
Hier war der gemeinsame Fuß- und Radweg definitiv nicht mehr schön. Teilweise gab es sogar zwei verschiedene Wege oder einen sehr breiten Weg. Da hätte man Fußgänger und Radfahrer wirklich trennen können.

Wann sind wer denn nun da? Ah, endlich, da ist Köln. Die einzige Millionenstadt am Rhein zeigte uns ihre Silhouette schon einige Kilometer vorher. Aber noch blieben wir am Wasser.
Da hinten ist schon der Dom! Und direkt daneben liegt der Hauptbahnhof. Von dort aus fahren die Züge über den Rhein, und auf diesem Wege werden wir schon bald heimkehren. Aber jetzt noch nicht. Zuerst übernachten wir zweimal in Köln und entdecken ein paar Attraktionen der Metropole.

Wir fahren durch den alten Hafen. Dort stehen echte Lagerkräne und gläserne Häuser, die wie Kräne (oder wie ein umgedrehtes L) aussehen sollen. Einst mussten hier die Waren aus den Niederlanden auf flachere Schiffe umgeladen werden, damit sie weiter den Rhein runterkonnten. Die Kölner nutzten das aus und erfanden das Stapelrecht: Sie durften von den gestapelten Waren so viel kaufen, wie sie wollten, und die weiter unten am Rhein mussten gucken, was übrigblieb.
Hier führt die Deutzer Brücke ans andere Ufer. Lange Zeit gab es am anderen Ufer gar keine Stadt und daher auch keine Brücke, nur eine Fähre. Dann wurde eine schwimmende Schifferbrücke errichtet. Teile der Brücke konnten auseinandergenomen und zur Seite gerudert werden, um die Schiffe durchzulassen. Heute hingegen sind allein an dieser Stelle vier Brücken zu sehen.

Daneben liegen die ersten Kölner Museen, zunächst das Sport- und Olympiamuseum - das wäre mal ein Museum, das mich definitiv nicht interessiert. Witzig, aber wahr: Direkt daneben liegt das Schokoladenmuseum von Lindt. Das wäre schon eher mein Thema, allerdings habe ich gehört, dass das nicht so toll sein soll und wir waren halt schon im wahrscheinlich großartigsten Schokoladenmuseum der Welt, bei Zotter in Österreich. Da suchen wir uns lieber andere Attraktionen in Köln.

Am anderen Ufer erblickte ich eine Achterbahn mit fünf Loopings und dem Namen Olympialoop. Oh, dachte ich, ein Ostermarkt, da können wir ja auch mal hingehen. Bis wann hat der denn auf? Ich googelte nach "Köln Ostermarkt 2019", fand aber nichts. Das irritierte mich, schließlich hatte ich den Mark am anderen Ufer zur Osterzeit doch mit meinen eigenen Augen gesehen. Des Rätsels Lösung: Hier nennt man das Frühlingsvolksfest. Das Deutzer Volksfest (oder Kirmes, jedenfalls nicht Ostermarkt) hat auch noch bis Anfang Mai geöffnet, und zwar bis 22 Uhr. Die Achterbahn war tatsächlich großartig, aber deutlich überteuert.
Für unsere Mitreisenden im Teenageralter ist Köln vor allem die Stadt der Youtuber, weil hier die meisten Internetstars wohnen. Natürlich ist es sehr unwahrscheinlich, dass die gerade zufällig auf der Straße ein Video drehen, wenn man vorbeikommt, und das war auch unseren Mitreisenden klar, eigentlich, also mehr oder weniger. Doch dann hieß es vor der Achterbahn plötzlich: "Oh, guck mal, der da hinten, das ist doch der, der hat doch schon mit ApeCrime gedreht? Mama, Mama, ich hab einen Youtuber gesehen!" Und die Mutter: "Ist das dieser FreshAxel?" "Boah, nein, Mama."

Köln hat natürlich noch mehr kulturellen Hintergrund. Auch solchen, der die Generationen nicht teilt, sondern verbindet. Beim WDR wird nämlich Die Sendung mit der Maus produziert.

Und weil wir bei der Achterbahn ja gerade sowieso am rechten Rheinufer sind, zeige ich hier auch noch die anderen Sehenswürdigkeit, die wir am anderen Ufer besucht haben. Dazu gehen wir einen Stadtteil weiter nach Kalk. Hier steht das Odysseum, oder, was der eigentlich bessere Name ist (aber offiziell nur ein Untertitel), Das Museum mit der Maus.

Das ist ein naturwissenschaftliches Museum für Kinder. Es hat eine Halle zum Thema Leben, mit Felsen, Hängebrücken, einem beweglichen und brüllenden Dinosaurier und verschiedenen Spielestationen. Zum Beispiel: Wer schafft es, die Blätter seines Baumes besser nach der Sonne auszurichten und mehr Energie aus dem Licht zu holen?

In der Halle zum Thema Erde befindet sich zum Beispiel ein einfacher Flugsimulator.

Dann wäre da noch eine Halle zum Thema Sendung mit der Maus. Dort stehen Bildschirme mit Filmen und dazu weitere Sachen zum Ausprobieren. (Warum sind die meisten Kanaldeckel rund? Weil sie so nicht in den Schacht fallen können!) Hinten steht ein Spielplatz, unter der Decke verläuft ein kleiner Hochseilgarten (nicht ganz so groß wie der am Rheinfall, aber gut für kleine Anfänger).
Wirklich spektakulär (und zeitraubend) ist aber das Trickfilmstudio. Hier kann man zum einen die Maus und den Elefanten zeichnen und sehen, wie sich die Bilder dann in einer Lochtrommel zu bewegen scheinen. Oder man stellt mit Figuren der Maus oder von Shaun dem Schaf eine kurze Szene zusammen und hält sie in vielen Einzelbildern fest, die zusammen eine Bewegung ergeben. Jetzt noch Effekte und Musik hinzufügen, per Strichcode auf der Eintrittskarte speichern und auf der Website herunterladen.



Toll! Der Kartenleser hat zwar zuerst unsere Kombitickets nicht akzeptiert, aber uns wurden dann extra neue Eintrittskarten für das Studio ausgedruckt.

Die Maus läuft übrigens auch in der Kölner U-Bahn.

Und dann gab es im Museum mit der Maus gerade noch eine Sonderausstellung, die gleich zwei fantasievolle Dinge vereinte: Mythologie, vor allem griechische, und Lego. Ein Hippogreif mit Jungtier, eine Hydra, ein Zentaur, ein riesiger Eber aus Lego und andere Wesen wurden im Legoland-üblichen Riesenmaßstab nachgebaut. Zwischen Phönixen und Nixen stehen verschiedene Stationen zum Selberbauen, etwa ein Pool komplett aus roten Steinen.

Oder diese Deutschlandkarte, auf der Menschen die berühmtesten Sehenswürdigkeiten ihrer Heimatstädte nachbauen, zum Beispiel den Kölner Dom, ein Münchener Bierglas oder das weltberühmte Parkhaus von Eisenach. Ich habe versucht, mich auf dieser Karte zu verewigen. Ich dachte, hier besteht vielleicht eine geringere Wahrscheinlichkeit, dass die Mitarbeiter das Gebäude nach Feierabend wieder herzlos zerpflücken, wie sie es vor unseren Augen schon mit anderen Gebäuden taten.

Das hier ist eine Meerjungfrau aus Lego - oder, da wir ja noch am Rhein sind, nennen wir sie lieber Legoley.

Okay, jetzt kehren wir aber zum Rhein zurück und folgen dem Radweg noch ein letztes Stückchen weiter.
Auf den sogenannten Liegewiesen lagen in der Tat viele Menschen. Hier sehen wir auch schon die ersten Häuser der Altstadt. Im Hintergrund steht die Kirche Groß St. Martin. Die ist in der Tat groß.

Doch die bekannteste Kirche in Köln liegt eine Straße weiter. Am Kölner Dom zweigt dann auch in unserer Karte der Radweg in die Innenstadt ab. Im 13. Jahrhundert begannen die Kölner, einen Dom zu bauen, und nach einem langen Baustopp waren sie schon im 19. Jahrhundert fertig - mehr oder weniger, denn ein bisschen wird heute noch daran gearbeitet, wie diverse Baugerüste zeigen.
Auch sonst ist Köln eine Stadt der... besonderen Baukunst. Dieser Platz vor dem Dom ist zugleich die Decke der Philharmonie. Das haben sich die Architekten schlau ausgedacht. Als dann aber Spaziergänger und Skateboardfahrer auf dem Platz unterwegs waren, stellte man fest, dass die Geräusche die Konzerte extrem stören. Als ich ankam, fand wohl gerade ein Konzert statt. Deshalb war der Platz gesperrt und wurde von Sicherheitsleuten bewacht. Der Weg zum Dom wurde so ganz eng. Also wieder: Klingeln, abbremsen, klingeln, ach, was solls, ich schiebe jetzt.

Durch die Abgase der Stadt ist der Sandstein des Doms schwarz angelaufen. Die Kirche sieht irgendwie düster und unheimlich aus, längst nicht so freundlich wie die Kirchen in Speyer, Worms und Mainz.
Vor dem Dom liegt die Domplatte, ein Platz aus grauen Steinen. Hier darf man zumindest jederzeit rüberlaufen.

Von innen ist der Dom zum Glück nicht so schwarz. Seine bunten Fenster halten die Abgase wirkungsvoll draußen. Es war schon voll darin, aber immerhin handelt es sich um die meistbesuchte Sehenswürdigkeit Deutschlands - wenn man das bedenkt, war es gar nicht mal so voll.
An der Wand klebt eine 30 Tonnen schwere Schwalbennestorgel (oben links).
Der Dom wurde so stabil gebaut, dass er nach dem Zweiten Weltkrieg noch stand, wenn auch mit vielen Beschädigungen.

Dieses Fenster musste leider aufgrund der Datenschutzgrundverordnung verpixelt werden, weil sich die dargestellten Heiligen nicht mit der Veröffentlichung ihrer Bilder einverstanden erklärt haben.
Okay, Scherz beiseite: Der Künstler Gerhard Richter hat hier übriggebliebenes Fensterglas vom Dom verarbeitet und die Farben durch einen Zufallsgenerator verteilen lassen.

Im Dom stehen lauter Kunstwerke, die den Kölnern geschenkt wurden, zum Beispiel ein Altar aus Antwerpen oder Fenster vom bayrischen Kaiser. Das bekannteste Geschenk sind aber ein riesiger golderner Kasten mit den Gebeinen der Heiligen Drei Könige Astrologen aus dem Morgenland. Die hat Köln im 13. Jahrhundert von Kaiser Friedrich Barbarossa geschenkt bekommen, und deswegen musste da überhaupt so eine große Kirche drumherum gebaut werden.

Mich zieht es jedoch ans andere Ende der Kirche: zum Turm. Eigentlich sind es zwei Türme, aber man kann ja nur einen davon besteigen. Sie sind 157 Meter hoch. Damit ist der Dom nach dem Ulmer Münster die zweithöchste Kirche Europas und die dritthöchste der Welt. Auf dem Ulmer Münster waren wir schon, aber deswegen müssen wir ja nicht den Zweitplatzierten verschmähen.
Der Aufstieg kostet für Schüler und Studenten nur zwei Euro. Wie auf dem Ulmer Münster besteht der Weg zunächst aus einer engen Wendeltreppe. Einer vollen, engen Wendeltreppe. Licht scheint durch hohe, graue Milchglasfenster. Menschen drängen aneinander vorbei. Diejenigen, die auf der schmalen Seite der Stufen laufen müssen, haben Pech.

Auf der Zwischenebene beginnen die Türme und es geht auf einer größeren Stahltreppe weiter.

Oben laufen die Besucher dann durch einen Käfigring zwischen grauen Wänden mit zahlreichen Unterschriften und Schmierereien.

Da hinten im Süden liegen die Berge des Mittelrheintals. Die sind schon ganz schön weit weg. Auf dem Foto sind sie kaum zu erkennen, mit bloßem Auge schon eher.

Die Hohe Straße ist eine sehr, sehr lange Einkaufsstraße. Auch wenn sie nicht danach aussieht, ist die Straße schon recht alt, also quasi. Der Verlauf der Straße ist nämlich seit der Zeit des Römischen Reiches, als Köln noch Colonia hieß, fast gleich geblieben. Die Römer kauften damals nur noch nicht bei C&A ein.

Gassen, die tatsächlich alt aussehen, hat Köln natürlich auch. Das sind nicht ganz so viele wie in Rüdesheim oder Oppenheim, aber immerhin etwas mehr als in Bonn, schätze ich. Dafür ist Köln nicht so sauber wie Bonn.

Die Kölner Märkte sind wie in Mainz nach den Waren benannt, die dort abgeladen und gehandelt wurden, zum Beispiel der Heumarkt. Am bekanntesten ist aber der Alter Markt (das klingt falsch, aber alle haben es so gesagt) mit dem alten Turm des Rathauses (links). Da wurde früher alles mögliche verkauft. Heute wird hier zahlreichen englischen Reisegruppen ein Stadtrundgang verkauft. Wir kauften uns jedoch etwas anderes, und zwar in einem Haus rechts auf dem Alter Markt: Eine Fahrkarte für eine Zeitreise.

Die hatten wir schon im Internet gebucht, wir mussten vor Ort nur noch einchecken. Wir wurden dann zur Fahrt um 11 Uhr 30 eingeteilt, während eine andere Gruppe schon 11 Uhr fahren durfte. Lag das am berühmten Kölschen Klüngel? Oder daran, dass sie einfach vor uns da waren? Man weiß et nisch.
Eine junge Firma hat sich etwas faszinierendes ausgedacht und bisher in Dresden und Köln realisiert: Den Timeride. Dabei wird eine Zeit ausgewählt, die besonders prägend für die Stadtgeschichte war.
Der Timeride besteht aus drei Stationen. Zuerst gibt es ein paar Fotos von wichtigen Stellen der Stadt aus den Jahren 1909 und 2019 zum Vergleich, dazu erklärt ein Straßenbahnschaffner eine Stadtkarte aus dem Jahr 1907. Anschließend zeigt ein Kino namens Kinema eine Zusammenfassung der Stadtgeschichte mit Fotos, Videos, Animationen und kurzen Stichpunkten mit Jahreszahlen, aufgepeppt mit futuristischen Zeitreise-Effekten und epischer Musik. Ich muss gestehen, mich kriegt man mit so was, aber andere waren davon ein wenig genervt - zumindest der lange Countdown am Anfang könnte etwas gekürzt werden. Das eigentliche Highlight ist der anschließende Slapstick-Film mit dem dicken Trottel, der alles falsch macht und so als Negativbeispiel die Regeln für die dritte und wichtigste Station erklärt.
Und diese Station ist die Straßenbahn recht im Bild. Sie wurde den ersten elektrischen Straßenbahnen der Stadt nachempfunden, aber etwas vergrößert. Dort setzten wir uns eine große Virtual-Reality-Brille auf, sahen noch ein paar futuristische Effekte, und fuhren dann endlich zu authentisch simuliertem Geruckel im Jahre 1907 durch Köln - und zwar dieselbe Strecke am Rhein, auf der wir am Tag zuvor nach Köln hineingeradelt sind, und dann noch vom Dom zum Alter Markt. Vor uns stand der Schaffner, murmelte verträumt vor sich hin und diskutierte mit Kutschern. ("Hee, mach mal Platz mit deinem komischen elektrischen Gefährt.") Komischerweise stieg nie jemand in die Bahn ein, und Haltestellen standen da auch nicht. Die anderen animierten Fahrgäste der Bahn machten auch nichts. Das Treiben in der Stadt war aber wirklich schön zu bebachten. Ich kenne bislang keine bessere Anwendung von VR-Brillen.

Wir übernachten in der Nähe vom Mediapark.
Außergewöhnliche Ausstattung unserer Unterkunft: Die Familie, die über uns die ganze Nacht Bowling spielte. (Es klang jedenfalls so.)

Eine halbe Stunde mit der S-Bahn entfernt, im nördlichen Stadtteil Chorweiler, liegt das Aqualand. In dieser vollen Schwimmhalle steht ein großer künstlicher Berg mit verschlungenen Wegen und sieben Rutschen.

Am Nachmittag des letzten Tages stiegen wir dann am Hauptbahnhof in einen Zug und fuhren über die Hohenzollernbrücke gen Osten. (Zur Zeit kursiert in Köln die Idee, den Regionalverkehr unter die Erde und den Fernverkehr ans andere Ufer zu legen, damit aus dem Bahnhof eine Grünanlage werden kann.) Auf der Fahrt geschah etwas Unglaubliches: Der Kleinste wurde vom Zugführer eingeladen, mit ihm vorne zu fahren. Wir dachten, so etwas passiert nur in Conni-Büchern.

Sonntag, 21. April 2019

Von Kripp nach Bonn

Das hier ist ein bekannter Vulkan aus dem Westerwald mit dem Namen Erpeler Ley. Daneben stehen zwei düstere Türme. Am gegenüberliegenden Ufer, also auf unserer Seite, standen zwei identische Türme. Was hat es damit auf sich?

Die Türme gehörten zur Ludendorff-Brücke, die heute meistens einfach Brücke von Remagen genannt wird. Hier überquerten die amerikanischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg zum ersten Mal den Rhein, ganz ohne Probleme. Eigentlich wollte Hitler sie wie alle anderen Brücken sprengen lassen, aber man verwendete den falschen Sprengstoff. Zehn Tage nach der Überquerung stürzte die Brücke durch die Belastung und all die Bomben rundherum ein. In den Türmen auf der linken Seite befindet sich ein kleines Friedensmuseum (geschlossen).
Auf den Berghängen erheben sich Schlösser, eins davon gehörte dem Moderator Thomas Gottschalk. Das war ihm dann aber doch zu teuer und er verkaufte es wieder.
In Remagen gingen wir einkaufen. Es war allerdings der letzte Einkaufstag vor Ostern. Und so erlebten unsere Eltern ausgerechnet hier, wo ganz in der Nähe die Geburt der BRD stattfand, im Remagener Edeka zum ersten Mal wieder eine Einkaufsschlange wie in der DDR.

In Rolandseck erhebt sich über dem Bahnhof das Arp-Museum für moderne Kunst, wo sich die High Society der Künstler trifft.

Die Berge werden rechts niedriger und dann wieder ein bisschen höher. Die Eifel wird abgelöst durch das Siebengebirge. Der Sage nach blockierten einst große Steinsbrocken den Rhein. Wohlwollende Riesen wollten den Menschen die Schifffahrt ermöglichen und räumten sie weg. Danach klopften sie sich den Matsch von den Schuhen. So entstand das Siebengebirge. Tatsächlich aber ist es ebenfalls vulkanischen Ursprungs. Es hat mehr als nur sieben Gipfel, gleich beim ersten Blick auf das Gebirge zählte ich neun. Im Siebengebirge wachsen außerdem die nördlichsten Weinreben am Rhein.
Im Rhein befindet sich eine Insel namens Nonnenwerth, wo ein Kloster gebaut wurde. Noch heute betreiben Franziskanerinnen dort eine Schule.
Die Grenze zweier Bundesländer verläuft hier kurz auf dem Rhein, dann kommt sie aus dem Wasser. Nun sind wir in Nordrhein-Westfahlen.

Und in Nordrhein-Westfahlen liegt am rechten Ufer erstmal ein Ort, der klingt wie aus einem Fantasyroman: Königswinter. Eine günstige Fähre (nur 1,70 Euro mit Fahrrad) fährt nach drüben.

Königswinter hat seltsame Bahnübergänge, die für Autos gesperrt sind und auf denen nach vielen Minuten ein Lautsprecher etwas Unverständliches krächzt, gefolgt von: "Aber der Zug kommt schon noch, ne?"
Hier startet die Drachenfelsbahn. Das ist die älteste Zahnradbahn in Deutschland. Sie hat ein ziemlich cooles Drachenlogo. Und das Drachen-Warnschild ist ja mal das beste Verkehrszeichen aller Zeiten.

Die Drachenfelsbahn hat sehr freundliche Verkäufer, bei denen ich meine Fahrradtaschen abstellen konnte, und witzige Zugführer, neben denen man auch sitzen kann.
Was habe ich nicht alles Negatives gelesen über den Drachenfels. Überfüllt, massentouristisch, gar nicht mehr romantisch soll er sein und extrem laut. Tja, das Osterwochenende hatte begonnen, es war warm und voll. Diesmal stimmte alles. Hier waren die Menschenmassen, die wir an der Loreley vermisst hatten.
Der Zug fasst 140 Personen und die Warteschlange war immerhin so lang, dass ich erst im übernächsten Zug Platz nehmen konnte. Ich setzte mich auf alte gepolsterte Bänke, und schließlich setzte sich die Bahn knirschend, quietschend, aber doch ziemlich schnell in Bewegung.
Die Drachenfelsbahn fährt im 15-Minuten-Takt steile Schienen hinauf und zwischen gräsernen Wällen und steinernen Mauern entlang. Die Steigung beträgt bis zu 200 Prozent. Ab und zu bieten sich auch tolle Ausblicke auf das Rheintal.
Hier hält die Bahn an der Mittelstation beim Schloss Drachenburg.

Das Schloss Drachenburg befindet sich auf der halben Höhe des Berges. Der reiche, etwas exzentrische Finanzfachmann Stephan von Sarter ließ es sich 1882 bauen, um einen tollen Wohnsitz zu haben. Vor seinem Tod wohnte er aber gar nicht mehr darin. Eine richtiges mittelalterliches Schloss ist das also nicht, nur ein Nachbau. Sarfters Neffe nutzte das Schloss zum ersten Mal touristisch als Museum mit Restaurant. Dann diente es als Katholische Heimschule, Adolf-Hitler-Schule für Nazi-Führungskräfte, Flüchtlingsheim und Schule der Reichsbahn. Zwischendurch stand es lange leer, bis ein anderer exzentrischer Privatmann namens Paul Spinat es restaurierte und bewohnte. Er baute zum Beispiel eine Fake-Orgel ein, auf der er gern mit den Händen klimperte, während ein Tonbandgerät die Musik spielte. (Seine Frau hielt ihn bis zu seinem Tod für einen großen Organisten.) Heute ist im Schloss eine Ausstellung mit alten Möbeln.
Ganz oben liegt die Ruine Drachenfels.

Die ist wirklich alt, aber schon sehr kaputt. Sie besteht aus mehr oder weniger zusammenhanglosen Steinmauern, zwischen denen sich Betonwege mit Eisengeländern hindurchschlängeln. Und an vielen Stellen erheben sich Baugerüste.

Was haben die beiden Burgen jetzt aber mit Drachen zu tun? Also, der Sage nach lebte auf dem Berg ein Drache, welcher artgerechtes Futter in Form von Jungfrauen erhielt. Eines Tages hatte eine der Jungfrauen eine Kette mit Kreuz um den Hals (die anderen waren wohl noch heidnisch gewesen). Der Drache erschrak vor dem christlichen Symbol so sehr, dass er in den Rhein plumpste und nicht mehr auftauchte. Ende.
Die Sage war dem Volksmund aber ein bisschen zu banal, deshalb legte man später einfach fest, dass hier in einer Höhle der Drache gehaust hatte, den Siegfried erschlagen hatte. So steht es ja im Nibelungenlied:

Der Drachenfels ist wegen Siegfrieden so bekannt.
Einen Linddrachen schlug des Helden Hand;
als er im Blut sich badete, ward hörnern seine Haut.
So wird der Felsen heute von Touristen angeschaut.

An der Mittelstation stehen eine Nibelungenhalle mit nachgestellten Sachen aus der Geschichte, eine Drachenhöhle mit einem 13 Meter langen Steindrachen und ein Reptilienzoo. Aber ohne echten Drachen kommt mir das irgendwie trotzdem witzlos vor. So als gäbe es in Andernach nur die Sage von einem Geysir und einen nachgebauten Geysir aus Glas, der sich nicht bewegt.
Ich bin aber trotzdem gern hochgefahren, weil ich Bergbahnen mag und das so ziemlich die letzte Chance war, noch einmal von einem Berg auf den Rhein zu schauen. Im Süden erheben sich noch viele Berge, die Koblenz & Co. verdecken.

Doch im Norden hören die Berge schon bald auf. Der Westerwald und das Siebengebirge sind da hinten zu Ende, die flache Kölner Bucht beginnt. Ganz hinten konnte ich tatsächlich schon Köln erkennen.

Naja, zurück ans andere Ufer. Erst einmal wollen wir nach Bonn. Wir sind schon längst in den Vororten von Bonn angekommen. Das hier ist das Villenviertel Bad Godesberg. (Villenviertel steht sogar auf dem Ortseingangsschild, und es trifft den Nagel ja wirklich auf den Kopf.) Hier lebten und wirkten viele der Politiker, die sich die Bundesrepublik Deutschland ausgedacht haben.
Dank Fahrradstraßen und Fahrradwegen lässt sich Bad Godesberg auf der Rheinallee gut durchqueren. Der Uferweg am Rhein geht zwar noch weiter, aber wir hatten ihn verlassen, um ein besonderes Geschäft zu besuchen.

Dass der Name Haribo für den Erfinder der Süßigkeit, Hans Riegel aus Bonn, steht, ist ja mittlerweile recht bekannt. Weniger bekannt ist, dass Haribo in der Nähe seiner Fabrik in einem unscheinbaren, niedrigen grauen Gebäude hinter Godesberg einen Fabrikverkauf anbietet. Das ist nicht weniger als ein kompletter Haribo-Supermarkt. Ein Paradies für Kinder, und für Erwachsene auch - dank der günstigen Preise.
Es gibt einige Merchandise-Produkte, vor allem jedoch Naschware, zum Beispiel große Überraschungspakete ("Bitte nicht hier öffnen") oder günstige fehlerhafte Bruchware in großen Tüten. (Wo die Fehler bei der Ware sind, haben wir bislang noch nicht entdeckt.) Aber auch die nicht fehlerhaften Produkte sind viel günstiger. Wenn man sich bei uns zu Hause auf dem Weihnachtsmarkt selbst so eine Tüte mit Haribo-Zeug zusammenstellt, kostet das immer ein Vermögen. Hier gab es dasselbe zum Spottpreis von 59 Cent pro 100 Gramm, und zudem mit viel größerer Auswahl.

Weil da gerade ein schöner Radweg war, haben wir die nächsten Kilometer nicht am Rhein, sondern hinter Bad Godesberg zurückgelegt. So gelangten wir hinein in die ehemalige Hauptstadt der Hälfte Deutschlands. Denn nachdem der Zweite Weltkrieg (unter Mitwirkung der Brücke von Remagen) beendet war, ernannte man in Westdeutschland nach Art der Amerikaner nicht die größte Stadt zur Hauptstadt, sondern mit Bonn eine relativ kleine.
Bonn ist eine Stadt mit merkwürdigen Kontrasten. In dieser Stadt können rechts weiße moderne Villen stehen und links einfache Kleingärten mit schiefen Holzhütten. Hier entspannen sich die einfachen Bürger hinter der Godesberger Elite.

Oder: Hinter dir steht eine futuristische Straßenbahnhaltestelle, vor dir ein schmuddeliges Stadtviertel mit Menschenmassen und über dir auf dem Berg eine mittelalterliche Burgruine. (Leider ist es nicht möglich, das alles auf ein Foto zu bekommen. Das hier ist eine andere futuristische Straßenbahnhaltestelle als die beschriebene, da gibt's keine Burg.)


Die Godesburg ist die letzte Höhenburg am Rhein. Dann hören die Berge endgültig auf.

Tschüß, Siebengebirge! Das Mittelrheintal ist nun vorbei. Wir haben den Niederrhein erreicht.
Am Rhein führt der Radweg durch den schönen Park Rheinaue.

Als nächstes folgt die Bonner Museumsmeile. Hier stehen noch Bundesbehörden, die in der ehemaligen Hauptstadt geblieben sind, und ein UNO-Campus mit Einrichtungen der Vereinten Nationen.

So viele Museen, da sollten wir uns zumindest eines angucken. Die Wahl fiel auf das Museum Alexander Koenig. Das war ein Privatdozent an der Universität, der viele zoologische Forschungsreisen auf der Welt unternahm und begeistert von den Wundern der Schöpfung war.
Er plante ein Museum, das erst 1934 eröffnet werden konnte.

Darin stehen präparierte Tiere, die lebensecht hergerichtet wurden. Wüste, Regenwald und Arktis wurden aufwändig gestaltet. Es gibt vielleicht noch größere Naturkundemuseen, aber die sind dann auch entsprechend teurer. Für den fairen Preis bekamen hier wirklich eine Menge zu sehen.
Doch das Museum hat auch einen historischen Hintergrund. Wo heute Affen und Giraffen stehen, versammelte sich 1948 der Parlamentarische Rat, um sich ein Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland auszudenken. Es gab nach dem Krieg eben keine umfangreiche Auswahl an großen, unbeschädigten Gebäuden.

Der Halsbandsittich ist aus Käfigen ausgebrochen und kommt heute rund um Köln nicht nur ausgestopft im Museum, sondern auch lebend in der Natur vor.

Nun war es schon 18 Uhr. Zeit, dass wir uns auch noch die Stadt Bonn selbst anschauen.
Am Rheinufer in Bonn stehen zurechtgestutzte Bäume in Reih und Glied.

Auch der Zugang zum Rhein wurde schick hergerichtet, aber danach leider ziemlich verdreckt.

Die Altstadt hingegen ist erstaunlich sauber und setzt sich zusammen aus alten und neuen Häusern sowie witzigen Straßennamen. Wobei viele Altstädte, die wir auf dieser Tour gesehen haben, noch mehr alte Häuser zu bieten haben.

Bemerkenswert ist die Breite Straße, in der extrem viele Kirschbäume blühen. Die Straße sollte eher Kirschselfiestraße heißen. Theoretisch ist es eine Fahrradstraße, aber praktisch wird sie von vielen asiatischen Touristen mittels einer undurchdringlichen Barriere aus Selfiesticks blockiert.

Ebenfalls bemerkenswert ist das ganz alte Sterntor, das einfach mal so zwischen nicht sehr alten Häusern herumsteht.

Das Bonner Schloss war wieder mal der Sitz eines Kurfürsten, diesmal des Erzbischofs von Köln. Später ging es an Preußen und wurde zu einer Universität, in der alle preußischen Prinzen unterrichtet wurden.

Das Bonner Münster hat seinen größten Turm in der Mitte.

Vor der Kirche liegen große verstörende steinerne Köpfe herum. Sie gehören zwei römischen Offizieren, Cassius und Florentius. Sie konvertierten zum Christentum und wurden dafür geköpft, nun verehrt man sie als Stadtpatrone. Die erste Kirche der Stadt wurde auf ihrem Grab gebaut.

Auf dem Platz daneben steht Ludwig van Beethoven herum, denn der kommt auch aus Bonn.

Der Komponist begegnet dem kulturell interessierten Verkehrsteilnehmer auch auf grünen Ampeln. Irgendwie guckt er nicht ganz so freundlich wie die Mainzelmännchen.

Außergewöhnliche Ausstattung unserer Unterkunft: Der Heizstrahler im Badezimmer.